„Viele Journalisten wechseln die Seite“: Sabine Fäth über Content-Marketing

Quote of the Day (2).png

 

Erst kam die Berliner Morgenpost, dann die Polizeiredaktion der Bild Hamburg. Nachdem sie dort als Hospitantin alles über Kampfhunde gelernt hat, wechselte sie zum Bauer Verlag. Sie wurde mit gerade mal 32 Jahren Chefredakteurin des Frauenmagazins Laura. Danach leitete sie Tina, Bella und zuletzt die Für Sie im Jahreszeiten Verlag. 2015 stieg sie aus und gründete Scribershub – einen digitalen Matchmaker für freie Autoren und Auftraggeber. 

 

Fragen: Adriana Jodlowska und Natalia Sadovnik

 

Du warst lange Zeit Chefredakteurin, bevor du dich mit Scribershub selbständig gemacht hast. Wie hat es sich angefühlt, aus dem Journalismus auszusteigen?

Ich war nicht wirklich traurig, da ich mein Start-up vor Augen hatte. Außerdem bin ich ja nicht raus aus der Branche. Ich berate Unternehmen immer noch in redaktionellen Angelegenheiten und habe mit Journalisten persönlich Kontakt. Geschrieben habe ich ja als Chefredakteurin auch nicht mehr viel. Editorials, Zeilen machen, Strategie entwickeln – das waren die Kernaufgaben.

Was hat dich dazu gebracht, Scribershub zu gründen?

Ich habe oft nach neuen Freelancern gesucht. Allerdings war das persönliche Netzwerk – gerade wenn die Kollegen unter Zeitdruck standen – nicht immer erfolgsversprechend. So kam mir die Idee, eine Art „Parship“ für Schreiber und Schreibsuchende zu gründen. Außerdem stellte ich fest, dass zunehmend Firmen und Agenturen für Content-Marketing und Corporate Publishing Bedarf an qualifizierten Textern haben.

Ist es schwer für freie Autoren, Kaltakquise bei Redaktionen zu machen?

Ja, oft ist es mühsam, da viele Redaktionen ihren verlässlichen Stamm an Freelancern haben. Menschen arbeiten nun mal gerne in Komfortzonen! Trotzdem kann ich jedem freien Autor nur empfehlen, Kontakt aufzunehmen, Themen aktiv anzubieten und mit Leistung zu überzeugen. Es gibt im Vertriebsgeschäft die Regel, man muss zehn Kontakte machen, um einen „Lead“ zu generieren. Also: nicht aufgeben und netzwerken, netzwerken, netzwerken.

Und Scribershub soll das Netzwerken erleichtern?

Scribershub ist der Matchmaker zwischen Kunde und Texter. Dabei steht die Vermittlung von Qualität an erster Stelle. Scribershub nimmt nur Schreiber mit Ausbildung und Expertise auf. Leider hat die Digitalisierung auch eine Entwertung von Texten und damit einhergehend einen immensen Honorar-Verfall ausgelöst. Viele denken: ein bisschen texten kann doch jeder. Falsch: Gute Texte sind harte Arbeit. Mit einem schnellen Post ist es nicht getan. Man sieht alleine an Algorithmen, die immer strenger filtern: Es braucht Strategie. Man muss die Zielgruppe „fühlen“ und deren Bedürfnisse verstehen – gutes Storytelling eben!

Es eröffnen sich viele neue Wege im Content-Marketing

Ja, Marken werden Medien und Corporate Publisher. Viele Journalisten wechseln jetzt die Seiten vom Editorial-Publishing ins CP-Geschäft oder in die PR.

Siehst du es nicht kritisch, wenn Journalisten nur noch im Dienste des Marketings arbeiten? 

Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wichtig: Man muss sich mit dem Produkt oder der Dienstleistung identifizieren können. Gutes Content-Marketing nutzt die Formeln des Journalismus. Platte Produktinszenierung geht nach hinten los, deshalb werden immer mehr gute Journalisten in diesem Bereich gesucht.

Welchen Herausforderungen musstest du dich am Anfang der Gründung stellen?

Von der Idee bis zur Gründung gab es viele Hürden. Wie soll die Plattform heißen? Wer baut mir das Backend? Wer Frontend? Wie mache ich Scribershub bei Journalisten und Kunden bekannt? Gründen ist kein Kindergeburtstag. Es ist harte Arbeit und braucht viel Leidenschaft. Man überlegt permanent: Wie tickt der Markt, was wollen die Kunden? Wie kann ich die Bedürfnisse am besten bedienen?

Und deine Kunden? An welchen Themen und Fachgebieten haben sie Bedarf?

Ganz viel Digital-Geschäft: Webseiten und Blogs gestalten, Social-Media-Kanäle pflegen. Es geht aber auch um Storytelling – wo liegen die Geschichten für mein Unternehmen? Es wird außerdem sehr fachspezifisch gesucht. Inzwischen haben wir knapp 1000 Schreiber. Als Kunden habe ich vor allem Kommunikations- Agenturen, Corporate-Publisher, Buchverlage, Einzelunternehmer und viele Marketing-Abteilungen.

Und die Verlage?

Die Publikumsverlage sind eher zurückhaltend.

Warum?

Viele Verlagshäuser arbeiten heute mit Fach-Pools und festangestellten Mitarbeitern. Auch das Thema Scheinselbständigkeit hat das befeuert. Einige verlagern ganze Heftproduktionen nach außen, dann kommen die Agenturen wieder ins Spiel. Fachlich versierte Freelancer sind wertvolle Wissenstanker. Daher bin ich auch ein Fan von gemischten Teams: fest und frei, jung und alt und so weiter.

Auf Scribershub kann sich jeder anmelden. Nach welchen Kriterien suchst du die Journalisten aus?

Jeder Schreiber muss sein Profil ausfüllen. Dazu gehören Lebenslauf, Arbeitsproben, Referenzen. Nach genauer Prüfung wird das Profil dann erfolgreich verifiziert. Wie bereits erwähnt, nehmen wir nur Schreiber mit Ausbildung, Berufsanfänger nach Studium oder Volo auf. Ghostwriter, PR-Texter, Fachjournalisten, Drehbuchautoren … die Bandbreite an Schreibern ist bei uns vielfältig. Das schätzen die Kunden.

Du sagtest, beim Anmelden geben die Bewerber viele persönliche Daten von sich preis. Welchen Datenschutz können deine Bewerber erwarten? 

Nur derjenige, der ein Profil anlegt und erfolgreich verifiziert ist, kann sein persönliches Profil einsehen. So gewährleisten wir einen fairen Wettbewerb. Für uns zum Suchen des „perfect matches“ und für Kunden ist das Profil wiederrum einsehbar. Wenn ein Schreiber in die Festanstellung geht und sich von Scribershub verabschieden möchte, dann löschen wir das Profil mit allen persönlichen Daten gemäß der Datenschutzrichtlinie.

Bei Pocketstory werden ganze Artikel verkauft – wird das irgendwann auch auf Scribershub möglich sein?

Nein, Scribershub vermittelt keinen Content. Wir vermitteln die klugen Köpfe für klugen Content!

Wie können sich freie Autoren sonst noch etablieren?

Netzwerk-Veranstaltungen besuchen, Visitenkarten parat haben, auf Social-Media-Kanälen aktiv sein und seinen Expertenstatus damit erweitern. Wichtig ist es seinen eigenen „Elevator Pitch“ parat zu haben. Wer bin ich? Was kann ich? Was sind meine Stärken? Und Berufsanfängern rate ich immer, sich Mentoren zu suchen. Das sind Multiplikatoren für die weitere Laufbahn.

Weitere Tipps für angehende Autoren?

Es gibt diesen Mutti-Spruch: „Was du gern machst, machst du gut.“ Höre auf deinen Bauch, bleib neugierig und voller Leidenschaft für das, was du tust. Und: learning by doing! Praktika, Volontariat ... Journalismus lernt man, indem man es tut.

Was wünscht du dir für Scribershub?

Dass Kunden qualifizierten Schreibern mehr Wertschätzung entgegenbringen und den Wert von gutem Content angemessen bezahlen. Was nichts wert ist, ist auch nichts wert! Ich freue mich, wenn wir unser Netzwerk an Schreibern und Kunden stetig erweitern können. 

Finde Sabine auf Xing und Twitter

Mehr zum Thema:

  • Vom Verlag zum Start-UP: Ein Interview mit Sabine Fäth auf Femtastics
  • Ein Gastbeitrag von Ayad Al-Ani in der Zeit über die zukünftige Beziehung von Journalisten und Lesern: Journalisten werden eine neue Rolle haben
  •  Content-Marketing gerät in Kritik: Mit den Mitteln des Journalismus (Tagesspiegel)